Ted Nelson und sein "Xanadu"
Die Arbeiten von Ted Nelson - besser, seine Visionen - sind das Fundament heutiger Hypertextforschung und -begeisterung. "Nicht nur, daß die beiden Bezeichnungen 'Hypertext' und 'Hypermedia' auf ihn zurückgingen, sondern vor allem seine unkonventionellen und über Jahrzehnte verfolgten Ideen eines universalen Wissensverwaltungs- und Informationsbereitstellungssystems, XANADU, machten ihn zu einem der kreativsten Hypertextforscher. Bemerkenswert an Nelson ist weiterhin, daß er sich nicht an etablierte Institutionen und kommerzielle Firmen hat binden lassen, sondern eher immer alternative Wege gegangen ist, verbunden mit einem aufklärerischen Sendungsbewußtsein, das in den letzten Jahren allerdings durchaus die Chance für ökonomische Verwertung gesehen hat" (Kuhlen, S.69). Nelson's XANADU-Idee läßt sich bis ins Jahr 1965 zurückverfolgen. Seit Ende der 80er und dem Beginn der 90er Jahre wird "Xanadu" kommerziell vertrieben.
Nelson stellt sich unter "Xanadu" eine Informationsbank von unbegrenzter Größe vor. "Das auch heute noch utopisch anmutende Endziel ist dabei die Verwaltung des gesamten Weltwissens über ein riesiges, computerunterstütztes Begriffsnetz, das den Zugriff auf die entsprechenden informationellen Einheiten gestattet. Durch die Möglichkeit der simultanen und kollektiven Bearbeitung eines Dokuments soll der tendenzielle Gegensatz zwischen Autor und Leser aufgehoben werden. Die Aufgabe solcher Systeme beschränkt sich nicht allein auf die Verwaltung der
vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen einzelnen Hypertexteinheiten. Es sind darüber hinaus auch Mechanismen erforderlich, die bei extensivem Mehrbenutzerbetrieb die Integrität, Aktualität und auch das Rückverfolgen der Entstehugshistorie eines Dokuments gewährleisten sowie den Schutz von Urheber-, Nutzungs- und Vervielfältigungsrechten unterstützen" (Kuhlen, S.217). Nelson's "Xanadu" stellt für diese Aufgaben verschiedene Features zur Verfügung.
Über Workstations und leistungsfähige PCs ist der Online-Zugriff auf den Xanadu-Informationsbestand seit 1989/90 möglich. Das System erlaubt neben dem Informationsabruf auch das Einbinden und Vernetzen eigener Daten in den Informationsbestand. Dabei entscheidet der Autor, ob es sich um seine privaten Daten (Zugriff nur durch den Autor selbst möglich) oder um öffentliche Daten (Zugriff für alle möglich) handelt. Der Online-Zugriff auf den Informationsbestand ist kostenpflichtig. Autoren erhalten - computergesteuert - Tantiemen, wenn ihre Daten von anderen Benutzern über Verweise aufgerufen werden. Auf diese Weise kann jeder Benutzer zum Autor werden, und jeder Autor ist immer auch Benutzer. "Xanadu" hält ferner Werkzeuge zur Versionenkontrolle von Dokumenten bereit. Es bereitet die gespeicherten Daten für den Endbenutzer jedoch nicht selbst auf. Dazu ist eine "Front-End-Browsing-Software" nötig, die für die Bildschirmausgaben sorgt, die Verweise ausführt usw.
Damit hat Ted Nelson die Technologie des World Wide Web schon 25 Jahre vor dessen Entstehen vorweggenommen, und seine Konzepte sind zum Teil ausgereifter (z.B. das Tantiemensystem oder die Dokument-Versionenkontrolle). Verständlicherweise ist Ted Nelson erbost über den Siegeszug des WWW, der einfach über ihn hinwegfegte.
Weitere Information im WWW:
The Xanadu Net (Die Xanadu-"Botschaft" im WWW)
Orality and Hypertext (Interview mit Ted Nelson)
The Curse of Xanadu (Artikel im HotWired E-Zine)